DAS PHONETIK-BLOG [foˈneːtɪkˌblɔk]
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Mittwoch, 23. Dezember 2009
Forvo.com ist eine kostenlose Website, auf die viele, die sich für die Aussprache von Begriffen in anderen Sprachen interessieren, bereits gestoßen sein dürften. Aufnahmen von ›all the words in the world‹, so heißt es, durch Muttersprachler – das klingt attraktiv und zumindest einer näheren Betrachtung wert, ob das Konzept der Seite tragfähiger ist als das bemitleidenswerte Logo, auf das der Blick des Besuchers nun einmal zuerst fällt.

Die Seite ist unkompliziert aufgebaut; wesentliche technische Hürden gibt es nicht. Wer etwas sucht, kann sowohl via Suchmaschine auf die Seite finden als auch dortselbst über die Suchmaske zu Einträgen gelangen. An diesem Punkt sollte man über eine Soundkarte und ein Audioausgabegerät verfügen, denn die Seite bietet keinerlei Lautschrift, sondern – wie erwähnt – Aufnahmen durch Laien-Nativespeaker der jeweiligen Sprache. Damit nutzt die Seite im Prinzip jedem Hörenden – und nicht nur, wie auch dieses Blog, einem kleinen Kreis akademischer IPA-Fans. Wer eigene aufgenommene Lautungen hochladen oder fehlende Aussprachen erbitten will, kann das nach unkomplizierter, anonymer Anmeldung. Inhaltlich liegt der Fokus, den die Beitragenden bestimmen, auf Eigennamen; es interessiert eben mehr Leute, wie Paulo Coelho ausgesprochen wird als wie ›rir‹ in der ersten Person Plural des konjunktivischen Mais-que-Perfeito Composto lautet (nós tivéssemos rido).

Damit sind Reiz und Crux bereits beschrieben. Wie bei jedem Projekt, das auf Userbeteiligung basiert und nur durch minimale redaktionelle Eingriffe gesteuert wird, stehen auch bei ›Forvo‹ Gutes und Schrott nebeneinander – wobei ich mich auf den Inhalt beziehe und nicht auf die oft mäßige akustische Güte der Beiträge. Die Aporie benutzergenerierter Inhalte besteht darin, dass diese sich einerseits an die richten, die etwas wissen wollen, andererseits aber vieles bereithalten, das nur der, der bereits weiß, richtig einordnen kann. Wenn ich weiß, dass sich Robert Musil korrekt [ˈmuːsɪl] (bzw. mit [z] für Nicht-Österreicher) ausspricht, kann ich darüber schmunzeln, dass es zwei Einträge gibt, in denen [muˈziːl] angegeben wird. Wenn nicht, blamiere ich mich eventuell. Die Möglichkeit, als Benutzer über die Qualität der Aufnahmen abzustimmen, soll derartige Irrtümer verhindern helfen und bringt in diesem Fall – gar nichts: Die falsche Aussprache wurde je ein bzw. drei Mal von anderen Deutschen als ›Good‹ bewertet. Wer nachprüfen möchte, ist am Ende wieder auf ein kostenpflichtiges, gedrucktes Werk wie den Aussprache-›DUDEN‹ angewiesen. Im aktuellen Rahmen scheint es kaum abzustellen, dass Ahnungslose Ahnungslosen applaudieren. Die Funktion ›Report word‹ ist, wenn ich das richtig verstehe, nur für Fälle gedacht, in denen das betreffende Wort “does not really exist, is offensive or similar”. Mehr Klarheit würde weder geschaffen, indem man die falschen Aufnahmen mit einem einzelnen ›Bad‹ bewertete, noch durch das Hochladen einer Aufnahme der korrekten Aussprache. Im Fall von ›Kopenhagen‹, das üblicherweise [koːpn̩ˈhaːɡn̩] lautet und bei ›Forvo‹ von einem etwas nachlässigen Sprecher als [kɔpn̩ˈhaːɡn̩] artikuliert wird, wäre wohl noch etwas zu retten. Schade nur, dass man die Aufnahme von ›Zweibrücken‹ [ˈt͜svaɪ̯bʁʏkn̩] mit falscher Betonung auf der zweiten Silbe trotz Tippfehler in der Benennung (›u‹ statt ›ü‹) finden kann.

Noch schwerer als unzutreffende Aussprachen ist zu verhindern, dass konkurrierende Lautungen für denselben Begriff hochgeladen werden. Hier wäre erneut eine kundige Kommentierung der Aufnahmen hilfreich, um die Schwankungen zu ergründen. User sind zwar gehalten, auf einer Karte anzugeben, wo ihre Varietät beheimatet ist, aber das ist eine kaum hilfreiche Angabe, wenn es nicht gerade um gröbste geografische Unterscheidungen (Irland oder Australien, Portugal oder Brasilien) geht. Nicht jeder, der in Erfurt wohnt, spricht hörbar Thüringisch. Unklar bleibt demnach, ob eine auf den ersten Blick merkwürdige Aussprache regional gebräuchlich ist oder schlicht falsch. Wer zum Beispiel wissen will, wie Cees Nootebooms Vorname im Niederländischen lautet, findet einmal [keːs] und einmal [seːs], wobei Letzteres nach meinen Informationen korrekt ist. Ohne externe Quellen hinzuzuziehen, ist der Ratsuchende an dieser Stelle so klug als wie zuvor. Manches Wörterbuch, in dem kommentarlos zwei Möglichkeiten aufgeführt werden, ist in dieser Hinsicht nicht besser; bloß ist dort wahrscheinlicher, dass nicht eine der beiden Varianten lediglich mangelnder Sachkenntnis geschuldet ist. Und: Wo man sich in Lautschrift auf ein Phonem festlegen muss, können Differenzierungen in den Aufnahmen mit einem auf halben Weg zwischen den Möglichkeiten liegenden Laut weggenuschelt werden.

Eine zusätzliche kleinere Schwäche der Seite liegt darin, dass nicht-lateinische Schriften sehr uneinheitlich – und damit so gut wie unauffindbar – transkribiert werden. Dass ich auf eine akzeptable Aufnahme von Anton Pavlovič Čechovs Namen unter dessen spanischer Umschrift ›Antón Chéjov‹ gestoßen bin, war nur dem Zufall zu verdanken; mit der wissenschaftlichen Transliteration oder der deutschen Fassung ›Tschechow‹ blieb die Suche ergebnislos. So gehen Einträge praktisch verschütt, die das gar nicht verdient haben. Dasselbe kann passieren, wenn auf umständliche Transkriptionen direkt verzichtet und der Eintrag in der ursprünglichen Schrift, etwa Arabisch, gemacht wird, die für alle ohne entsprechende Tastaturbelegung schwer einzugeben ist. Wieder wird eine Diskrepanz deutlich, die sich auftut zwischen den notwendigen bis wünschenswerten Kenntnissen, um die Seite voll auszuschöpfen, und den mutmaßlichen Kenntnissen der anvisierten Gruppe derer, die ohne Vorkenntnisse dazulernen wollen. Hier wäre eine Standardisierung nicht nur angenehm, sondern unerlässlich, damit nicht Dutzende Einträge in Quasi-Orkus verschwinden.

Für Phonetiker, die gar nicht wissen wollen, wie ein bestimmtes Wort ausgeprochen wird, ist die Seite eine Fundgrube voller Aussprachen in diversen Schattierungen. Vielleicht ist das die Gruppe, die mit ›Forvo‹ auf dem derzeitigen Stand die meiste Freude habe kann. Wenn es darum geht, die als richtig geltende Aussprache – insbesondere eines Eigennamens, bei dem es wenig Spielraum für Idiotismen gibt – herauszufinden, ist ›Forvo‹ als (einzige) Quelle zu wackelig. An eigener Recherche oder einem Blick in die einschlägigen Wörterbücher führt wenig vorbei. Doch: Die zugrunde liegende Idee ist gut und vor allem dahingehend ausbaufähig, dass die Seite nicht nur lustig bis kurios, sondern zunehmend nützlich ist.

Letzte Aktualisierung:
21. Januar, 15:07
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